Den Link zum Originalartikel in der Welt vom 15. Januar 2000 (erfreulicher Weise auch kostenlos) finden Sie hier:

http://www.welt.de/print-welt/article498052/Im-Anglo-German-Club-wird-Tradition-gepflegt.html

Er wurde 1948 gegründet und hat 1100 Mitglieder - Britisches Understatement gehört zum Konzept 

Es soll Männer gegeben haben, die behaupteten, der Herrenclub sei das letzte Refugium vor der Vulgarität des modernen Lebens. Dass es sich dabei um Herren angelsächsischer Herkunft gehandelt haben muss, steht außer Frage, gilt doch der Herrenclub als die britische Institution schlechthin. Und da Hamburg durch Handel und Hafen mit der Welt verbunden ist, ist ein Herrenclub an der Alster fast so selbstverständlich wie der Fischmarkt an der Elbe.

Da mag die Hanseatin noch so sehr das moderne Leben schätzen - der Anglo-German Club (AGC) ist für die Hamburger Frau von Welt kein Dorn im Auge, sondern gern besuchte Lokalität. Allerdings erst am frühen oder späten Abend, denn Ladys kommen zwar auch in den Räumen des AGC always first, aber in der unteren Etage mit den nicht der Gastronomie vorbehaltenen Clubräumen bitte schön erst nach 16 Uhr. So wollen es die Regeln des nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten Clubs. Und die Mitglieder sind darüber, wie manche glaubhaft versichern, gar nicht so unglücklich. "Müssen denn die immer wieder davon anfangen?", wird der eine oder andere jetzt denken. Schließlich ist so eine Damen-Regelung in Great Britain nichts Besonderes, und das Clubleben in dem 1860 von Martin Haller erbauten Haus orientiert sich nun einmal am Anglophilen.

Wer sich regelmäßig in den gemütlichen alten Ledersesseln Digestiv und Zigarre widmet, nimmt das britische Understatement vermutlich als Selbstverständlichkeit wahr. Das Mobiliar im englischen Design hat Stil und macht diesem alle Ehre: Möbel mit Kratzern und abgewetzten hellen Stellen, die mit dem schweren dunkelroten Teppich im Erdgeschoss (wo Mitglieder und Gäste Vorträge engagierter Gastredner hören) den Räumen die Atmosphäre verleihen, die auch Londoner Häuser so gediegen und vor allem gemütlich macht. Da greift man fast automatisch zum adretten Kostüm, Abendkleid oder Smoking, sinnt ein paar Minuten länger über die Wahl des Gastes zum Lunch oder Dinner in dem von Gerald Pütter in zweiter Generation bewirtschafteten Restaurant, das sich wegen des Angebots exzellenter Weine einen Namen gemacht hat.

In den Clubräumen wird zwar selten getadelt, aber immer betrachtet. So wurde jüngst beispielsweise registriert, dass ein junger Mann den Club im Dezember drei Mal in Begleitung einer brünetten Dame aufgesucht hatte, die zwar nicht durch ihren Wiedererkennungswert, jedoch stets durch konsequentes Overstyling von sich Reden machte. Denn - und das ist das Schöne am Clubleben - man kennt sich, und geht in den "Anglo", um dort Gleichgesinnte zu treffen. So sind die Gäste der Mitglieder stets willkommen, und dass dabei ein paar geschriebene wie ungeschriebene Gesetze zu beachten sind, bedarf in einem derartigen Haus kaum der Erwähnung. Dass die Dame von Welt erst nach 16 Uhr und in Begleitung eines Clubmitglieds Einlass in die untere Etage erbittet, steht in den Clubregeln. Und dass zwischen maritimen Gemälden, schweren Clubsesseln und Vorhängen keine Handys, aber angemessene Kleidung (für Herren sind Jackett, Hemd und Krawatte obgligatorisch) erwünscht ist, versteht der Besucher nach Meinung von Präsident Claus Budelmann ganz von allein. "Es muss ja gar nicht besonders fein sein", betont er, "aber es ist auch nett, ein paar Traditionen zu pflegen und Krawatte zu tragen. Außerdem ist das gut für die nächste Generation." Die ist im Club überdurchschnittlich gut vertreten. Gut 80 junge Männer, die das 20. Lebensjahr vollendet und das 31. noch nicht überschritten haben, sind Mitglied im Club und zahlen als Zugehörige der Jugendabteilung eine geringere Aufnahmegebühr sowie einen ermäßigten Jahresbeitrag.

Was den etablierten Mitgliedern ihr "Herrenessen" mit wechselnden Vorträgen zu Themen aus Kultur, Wirtschaft und Politik, ist den "Young Fellows" der monatliche Jour Fixe. Nicht selten wandeln die jungen Kaufleute, Banker und Wirtschaftswissenschaftler durch Mitgliedschaft wie Berufswahl auf den Pfaden ihrer Väter. Deren Namen möchten wir an dieser Stelle jedoch charmant verschweigen. Denn Ausgewählte zu nennen, wäre unhanseatisch und stünde im Widerspruch zur sprichwörtlichen britischen Diskretion, "und außerdem", weiß Claus Budelmann glaubwürdig zu versichern, "wären die nicht-Genannten dann schnell gekränkt."

Ein Neuling braucht die Unterstützung der Mitglieder

Präsident des 1948 gegründeten Clubs ist Claus G. Budelmann. Zu Beginn des Jahres hatte der Club gut 1100 Mitglieder, etwa 80 davon in der Jugendabteilung. Mitglied werden kann jeder, der ein besonderes Interesse an deutsch-englischen Beziehungen bekundet. Der Anwärter muss von einem ordentlichen Mitglied vorgeschlagen werden, der Antrag muss von zwei weiteren Mitgliedern unterstützt werden. Über die Aufnahme entscheidet der Vorstand. Der AGC ist ein Herrenclub, der Damen jedoch nicht ausschließt. Die Aufnahmegebühr für eine Corporate Membership beträgt 2500 Mark, der jährliche Mitgliedsbeitrag beläuft sich auf 600 Mark. Pro Firma können drei Mitglieder benannt werden. Für eine Privatperson kostet die Aufnahme 1500 Mark, der jährliche Mitgliedsbeitrag beträgt ebenfalls 600 Mark. Junior-Mitglieder zahlen keine Aufnahmegebühr und einen ermäßigten Jahresbeitrag von 120 Mark. Jährlich vergibt der Club ein Stipendium in Höhe von 10 000 Mark an einen deutschen Studenten zum Studium an der Universität Bradford oder eines britischen Studenten an der Uni Hamburg. Außerdem unterstützt er einige britische Einrichtungen und Veranstaltungen wie die englische Kirche oder den British Day.

Anglo-German Club, Harvestehuder Weg 44, 20149 Hamburg, Telefon 450 15 50, Fax 44 70 20, montags bis freitags 12-24 Uhr, samstags nur für Veranstaltungen und nach Absprache

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