Michael Ammer. Eine Bestandsaufnahme im Januar 2002

FIZZZ Gastronmagazin, März 2002

Freitag, Ende Januar kurz vor 18 Uhr. Deutschlands Partykönig röchelt ein erschöpftes "Ammer" in die Leitung. Immer noch diese verflixte Erkältung. Feiern ist harte Arbeit. Dabei ist er ausnahmsweise nicht mal verschnupft. Diesmal ist es der Hals. Es hat ihn wirklich erwischt. "Bin eben wach geworden" flötet er noch rasch durch die Wohnung, bevor er sich ganz dem Telefonat widmen kann. Fotos ? Gut ok, heute abend im "Valentinos". Am besten zwischen elf und halb zwölf. Nach dem Essen im Restaurant und vor der großen Sause im angeschlossenen Club des Nobeltreffs.
Um zwanzig nach elf sieht die große Ammer-Tafel so aus, als seien die Anwesenden bereits fertig mit Schönschreiben. Unmengen von leeren Gläsern, Wodka-Flaschen der Marke Puschkin und Eiskübel verkleben die Tischplatte, hier und da noch eine verschmierte Karte mit dem heutigen Menü zum Pauschalpreis von 21 Euro. Mittendrin der Gastgeber des Abends, im weissen Gehrock, wie immer Sonnenbank-gebräunt und in bester Partylaune. Um ihn herum etwa 35 "Freunde", Fremde Bewunderer Partyhühner und solche, die es werden wollen. "Ich bin heute abend aber nicht da -von wegen Luderfraktion und so" feixt eine Blondine als der Sucher meiner Kamera ihr Gegenüber, "Schampus-Michi" in seinem Element fixiert. Nein, ist sie nicht. Denn wie alle Menschen an diesem Tisch ist sie lediglich Statist in der Inszenierung, die Ammer über die Jahre zur self-fullfilling-prophecy stilisiert hat.
"Virtuelle Erlebniswelten" nennen es Marketing-Profis wie Dany Lyons, "echt geil" diejenigen, die heute dabei sein dürfen, um mit Ammer eine erträgliche Lammkeule nebst Vor- und Nachspeise und ganz viel feinfiltriertes Korndestillat zu konsumieren. Schließlich gibt es den Wodka wie den Freixenet-Cava und alle anderen Getränke kostenlos. Ebenso wie die das Essen, das vom Restaurant zur Verfügung stellt wird (der "Select Club" im "Wollenberg" läuft mit gleichem Konzept). "Bezahlen? Also ich bekam nur einen Anruf, ich solle hierher kommen. Ist umsonst. Und das ist doch in Ordnung", gesteht ein aparter Thirtysomething. Er sollte sich ein besseres Essen in besserer Gesellschaft leisten können. Schließlich ist er Mitinhaber einer gar nicht mal so kleinen Werbeagentur, verheiratet mit einer erfolgreichen TV-Darstellerin und ziemlich smart.
Vielleicht liegt er aber auch nur im Trend. Die "Umsonst-Gesellschaft" wächst und bevor die einen zahlen, müssen die anderen erst mal etwas gepudert werden. Damit sie wiederkommen und wieder andere mitbringen, die noch wichtiger sind als sie selbst und qua ihrer Bedeutung ihr Konterfeit am nächsten Tag in der Zeitung bewundern können. Dann hat der Partylöwe gewonnen. Das Fest wurde von der Presse wahrgenommen, die Location als hip bewertet und die Sponsorenfirmen sind im Gespräch. Klar, dass Ammer vor dem Blitzlichtgewitter schnell noch die Sinalco-Flasche gegen den Freixenet-Kübel tauscht. Schließlich sind es die Sponsoren, die einen Großteil der Alkoholika zur Verfügung stellen, der in Strömen fließt, fließen muss, um die "Promis" bei Laune zu halten. Mensch wie Michis Freunde Dieter Bohlen und Heiner Lauterbach, TV-Mimen aus GZSZ, Naddels, sowie die "Queen Mums" der (Teppich-) Luder (Jenny Elvers) und Partyhühner der Stadt. Die werden von Ammer nicht etwa bezahlt, sondern durch sehr gutes Beziehungs-Management gehalten. Customer Relationship Marketing heißt das im Fachjargon, den Ammer vermutlich nicht beherrscht. Muss er auch nicht, denn wichtig ist für ihn, dass die Promis kommen, nicht warum. Denn mit ihnen kommt auch der Mob, um das Spektakel zu finanzieren. Mit Eintrittsgeldern und Getränkekonsum. Und den hat Ammer, da sind sich die Gastronomen einig, gut im Griff. Auf 15 - 17 Mark pro-Kopf-Umsatz kam er mit seinen Parties im letzten Jahr. Vier Mark mehr als etwa das Veranstalterteam "Parque" und andere, die es nicht geschafft haben. "Deren Rechnung ging einfach nicht auf", erklärt Szenegastronom Frank Stricker, Betreiber der Diskothek "La Cage" sowie der Restaurants "Mühlenkamper Fährhaus" und "Zippelhaus" und einst Inhaber der von Ammer viel gebuchten Discothek "Traxx" (alle Hamburg).
"Ammer hat uns das zum Traxx gehörende Roxx vollgemacht", erklärt Stricker, der pro Veranstaltung beispielsweise Freigetränke mit einem Verkaufswert von 500 DM und weitere Kontingente mit 75 und 50 Prozent Rabatt zur Verfügung gestellt hat. Ammer durfte zusätzlich noch Ware im Wert von 4-5000 DM Verkaufswert mitbringen, denn er hatte - da mag man ihn prollig, schmierig, ungehobelt oder einfach nur peinlich schimpfen - eine glänzende Geschäftsidee.
Nach ein paar Jahren als Türsteher im Hamburger "Riffifi" und Marketing-Berater in Disco "Trinity" wusste er wie der Hase lief, und mit welchem Speck man die Mäuse fängt. "Modelparty" heißt die Zauberformel für die große Sause, die auch heute noch funktioniert. Und das geht so: Man suche sich eine geeignete (also schlecht laufende) Location, handelt mit dem Gastronomen einen günstigen Mietzins aus (der geht nicht selten gegen Null), engagiert einen Türsteher wie das ehemalige Boss-Model Wolfgang Mundhenk, der Laufstegaspirantin und Luder von Lustkiller unterscheiden kann, druckt Flyer und Mailings, kassiert möglichst noch Geld für den sogenannten "Sponsorenfriedhof" auf der Rückseite des Werbemittels (üblich sind 250-500 Euro) und sorge dafür, dass die großen Modelagenturen der Stadt ihre Mädels schicken. Die durften sich den Abend dann auf Kosten des Partymachers bzw. Gastronomen schöntrinken und für ausgelassene Stimmung sorgen. Denn Ammer weiß: "Es gibt keine besseren Animateure als Models, die umsonst saufen dürfen." Sie sind seine Party-Deko und er hortet sie und andere Schöne zu Tausenden in seiner Kartei, lässt Party für Party neue Adressen aufnehmen, pflegt seine Datenbank, verschickt Einladungen an die Auserwählten und lässt diese vor Ort VIP-Bändchen ausstaffieren.
Die restliche Rechnung ist recht einfach: Setzt man eine mietfreie Location voraus, belaufen sich die Kosten für DJ, Türsteher, Kassen- und Gästelistepersonal, GEMA, Tänzerinnen, Dekoration Reinigung und Werbemittel auf etwa 2500 Euro pro Abend. So ist bei einem Eintrittspreis bereits bei 250 zahlenden Gästen ein Break Even erreicht, der Veranstalter verlässt die Arena mit Plus-Minus-Null. Auch hier gilt: je mehr Parties, desto geringer die Kosten. Trotzdem ist die Kalkulation für viele sogenannte "Event-Manager" zur Milchmädchenrechnung geworden. "Viele vergessen nämlich", so Lyons, "dass die Eintrittsgelder bereits Mehrwertsteuer enthalten, die Kostenbeträge sich jedoch in der Regel netto verstehen." Ausserdem ist auch das Finanzamt längst auf die Spaßmacher aufmerksam geworden. Eine Tatsache, die den Veranstalter jeden Sonntagmorgen, wenn die Journalisten am Telefon hängen und statt blanker Go-Go-Körper nackte Tatsachen sehen wollen, in die Zwickmühle bringt. Mindestens 1500 Leute seien da gewesen - "aber schreib mal lieber was von 800" lautet die Anweisung in der Regel. Kurz, das Feiern ist gar nicht so einfach, und werbewirksame Details wollen wohldosiert unters Volk gebracht werden.
So wie die Liste der zu erwartenden Promis. Zu gern rühren die Veranstalter im Vorfeld die Werbetrommel mit vermeintlich klangvollen Namen. Von Bohlen, Brucker und anderen sogenannten B-Promis ist dann die Rede, und bevor der Fernsehmoderator weiß wie ihm geschieht ist auch er in die Riege der VIPs aufgestiegen. "Prominent bis Du dann, wenn die anderen Dein Gesicht kennen und wissen wie Du heißt", wissen Kommunikations-Profis wie Lyons, der als Student selbst Erfahrungen bei der Partyorganisation sammelte und heute die erfolgreiche Agentur "Vitamin-e" für integrierte Event-Kommunikation betreibt.
Mit seinen Promi- und Modelparties hat Ammer zeitlose Trends erkannt und in immer wieder neuen Gewändern umgesetzt: Eitelkeit, Ersatzbefriedigung und den Wunsch nach einer aufregenden Erlebniswelt. Ob nun "Scene Seen", "Hamburger Modelnacht" oder "Select Club". Die Masche bleibt die gleiche: Boy meets girl und dafür muss er zahlen. Ist der Stein erst einmal ins Rollen gekommen, geht der Rest sozusagen von allein: Die pressegeile Prominenz hofft auf einen möglichst großen Medienauftritt, die Models den großen Durchbruch und die Ammer-Jünger auf einen Platz neben oder wenigstens in Sichtweite dieser Menschen.
Auch das hat Partyhengst Ammer perfekt organisiert. Stars und Sternchen flößen sich die Sponsoren-Drinks nicht etwa in geschlossenen Räumen ein, sondern sitzen oder stehen in gut einsehbaren VIP-Bereichen, von denen das Fußvolk entweder nur durch Gängelband oder Selekteur getrennt ist. So wurden in der Hamburger Disco "Roxx" lediglich ein paar Tische für Ammer und sein Gefolge reserviert, und wer sich geschickt anstellte, konnte auf den Bierbänken davor nicht nur einen Platz sondern auch einen Wodka-Tonic ergattern. Ein Getränk, das Insidern zufolge übrigens in eben diesen VIP-Ecken, in denen Jenny Elvers ihren Heiner einst medienwirksam mit einem Kübel Eiswürfel bewarf, entstand. Bitter Lemon war schlicht nicht gratis zu haben und lauwarmer Wodka-Tonic immer noch besser als kühler Bitter Lemon für mindestens 10 Mark.
Für den Gastronomen geht die Rechnung dabei übrigens fast immer auf: Personal- und Betriebskosten hat er für den Abend ohnehin. Und der Einsatz von Ware ist in der Regel besser zu verkraften als der von Bargeld. Ganz ohne Risiko ist der Deal natürlich nicht. Chemische Substanzen, die sich positiv auf die Stimmung sowie den potentiellen Alkoholkonsum auswirken können, gehören für Viele zum Programm. Ergo: Partymacher und Gastronom müssen sich kümmern. Um Be- oder Abschaffung von Stoff und Konsum. Das Dilemma ist denkbar ungünstig: Kokain fördert bei den meisten Konsumenten den Alkoholkonsum und damit den Umsatz, und ein Promi, der bei seiner Lieblingsparty auf seinen Spaßmacher verzichten muss, wird sich schnell eine andere suchen. So konnte sich Ende der 90er-Jahre auf einigen Parties ein sogenannter "2. VIP-Raum" etablieren: Mit Türsteher, Spiegeln und garantiert ohne Journalisten.
Die sollen dem zwar in Einzelfällen auch nicht abgeneigt gewesen sein, werden aber in der Regel mit Geldzuwendungen gefügig gehalten. Oder mit Freigetränken und dem Privileg dabei sein zu dürfen. Wenn Ammers "Freund" und Schauspieler H. mal wieder fix und fertig mit eingefrorenen Gesichtszügen vor sich hin staart und fürs Foto ein letztes, grimassenhaftes Lächeln aufsetzt, sein Spezi D. ständig zum Klo rennt, und irgendwelche Partygirls für ein paar Zentimeter weißes Pulver in der Nase wildfremde Geschlechtsteile in ihrem Mund erdulden - wie es die Gerüchteküche behauptet. Aber das ist lange her.
Heute ist aus den wilden Exzessen ein recht geordneter Wirtschaftsbetrieb geworden, mit Sponsoren und Gastonomen als Geldgeber. Der Partymacher hat sich als Beruf etabliert der Partyveranstalter bekommt feste "Berater-Honorare" von den Gastronomen, die durch eine Beteiligung an den Eintrittsgeldern mit bis zu 50 Prozent aufgestockt werden können. Statt VIP-Bändchen werden häufig VIP-Bereiche eingesetzt, weil das für den Gastronomen organisatorisch leichter zu bewältigen ist. Pech für späte Gäste: Freigetränke werden nämlich nur so lange ausgeschenkt, wie sie vorhanden sind.
So wurde die Discothek "La Cage" 1998 von vornherein mit Partymachern konzipiert, der Freitags und Samstag an Veranstalter vergeben. "Das Konzept", erklärt Betreiber Stricker, "hatte sich allerdings nach zwei Jahren überlebt." Jetzt wurde umgebaut, die Neueröffnung war für Mitte Februar geplant. So darf man gespannt sein, wie lange die Ammer-Erlebniswelt noch mit dem Erlebnis Michael Ammer funktioniert. Die Gäste an seinen Tischen sind im vergleich zu dem ehemaligen Model deutlich jünger geworden. Und wenn sie keine Lust mehr haben, dem trotz Fettabsaugung schon wieder ein wenig beleibten Ammer beim Wodka-Schnorcheln zuzugucken, werden neue kommen. Einen neuen Ammer wird man dagegen wohl vergeblich suchen. Schließlich ist "Wodka-Michi" die fleischgewordene Assoziation der auf seinen Parties gebotenen Erlebniswelt. Und das muss ihm erst mal einer nachmachen.

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