dips 'n sticks Reeperbahn, St. Pauli
(Ausgehen in Hamburg, Herbst 2006)
Es ist viertel vor neun und wir freuen uns auf leckere Häppchen mit Blick auf die Reeperbahn. Bis zu dem Moment, in dem die Servicekraft naht. "Die Küche schließt um zehn!", lautet die Begrüßungsformel. Herzlich Willkommen auf St. Pauli.
Freundlicher fällt der Gruß von Geschäftsführer Christoph Wilson auf der Terrasse aus: "Schön, Dich zu sehen! Bist Du in beruflicher Mission unterwegs?" Nach einer klitzekleinen Notlüge a la "unser neues Büro liegt gegenüber" bringt uns der charmante Multigastronom (Schatto Pauli) die Karte. Neben klassischen Sushi-Varianten (Maki und Nigiri ab 2,50 Euro, California Rolls ab 3,50 Euro) werden mediterrane wie orientalische Spezialitäten serviert, die kleine Weinauswahl bietet für diese Anlässe den passenden Tropfen und bei einer Portion Foccatia (leider weich und aus der Mikrowelle mit Oliven für 2,50 Euro) und exzellentem Chilli-Kräuter-Dip (zwei Euro) geben wir unsere Bestellung auf. Die Order geht über ein kleines Gerät per Infrarot in die Küche. Das Thema "last orders" verschwindet dabei auf wundersame Weise vom Tisch. Bei einem frischen Chardonnay Astica von Trapiche aus Argentinien (4,50 Euro) genießen wir die Aussicht von der schönen Terrasse auf den neuen Spielbudenplatz und die alten Nuttenbunker gegenüber. "Einbett- Zweitbett und Dreibettzimmer ab 40 Euro" preist das Schild vorm Hotel "Ambiente". Na dann prost. Die Sushi Variation "Kirschblüte" (15Euro) besteht aus tadellosen Röllchen mit Avocado, Gurke, Lachs, Tunfisch und Gambas. Nur der Teig um die Tempura von Gemüsestangen ist etwas zu dick. Praktisch: Stäbchen und Bestecke stehen im Selbstbedienungs-Gestell auf dem Tisch und wir können die Rohfisch-Happen bequem zerschneiden und genießen, ohne zu Stopfen. Weiter geht's mit gebratener Entenstopfleber auf Rote Beete-Balsamico-Sorbet (8,50 Euro). Die Leber auf der originellen, leckeren Kombination hat einen Tick zu viel Panade abbekommen und wird auf einem Maxi-Löffel gereicht. Die Lamm-Satay-Spießchen mit leckerer Erdnusssauce (4,50 Euro) aus der Rubrik "Asia Food" sind etwas zäh, das "Nippon Tuna", ein mit Limettensaft und Koriander gedämpftes Tatar im viel zu dicken Dim Sum-Gewand (5,50 Euro) entpuppt sich als zusammen gekochte Masse und erinnert an Corned Beef. Besser gefällt das vom Chef empfohlene Rinderfilet namens "Mo Mo Tataki". Dünne, kurz gebratene Scheiben vom Rind ruhen mit Ingwer auf Sprossensalat und Wasabi. Yes! Dazu schmeckt auch die Cuvee aus Raboso, Veronese und Corniva von Masi (6 Euro) und die Creszenz "Jedentag" weiß von Franz Keller (Schwazer Adler, Baden) für 5 Euro. Um elf fragt die Kellnerin, ob es noch was zu trinken sein darf. Wir bestellen zwei Caipirinha (9 Euro) und werden von nun an mit überschwänglicher Kumpelhaftigkeit bedient. Statt der Rechnung bringt die Dame eine große Platte Hüftgold "vom Haus"! Fuchs Wilson weilt zwar längst drüben im Schatto aber hat den Braten natürlich längst gerochen. Also ran an den Speck. Die Dessert-Variation (7,50 Euro) besteht aus Kaktus Sorbet (leckere und fruchtig), Bananenkuchen im Reisblatt (schön klebrig),Schoko-Orangenmousse (fein und leicht), Himbeer-Mousse (yes, yes, yes!), Passionsfrucht, Apfelspalten mit Pistazien und einer anständigen Physalis. Die frischen aber geschmacksneutralen Feigen taugen wie die hübschen Orchideen allerdings nur zur Deko.
Um Mitternacht kommt die Rechnung über 89 Euro - ein fairer Preis für den gelungenen Abend. Kurz darauf erscheint ein Herr im Blaumann, um die wunderschönen, grünen Mosaikfliesen auf den Tischen zu entfernen. Die Tischplatte hätte sich verzogen. Wir ertränken unseren Frust über die angehende Zerstörung der Kunstwerke mit einem Absacker an der Bar im Erdgeschoss. Oben zerschlagen die Jungs die schönen Fliesen und in gut vier Stunden werden sich die Bautrupps über den von der Sommerhitze geschmolzenen Asphalt vor der Tür hermachen. Wir sind gespannt auf das Ergebnis und freuen uns auf einen schönen Herbst mit Blick auf den bis dahin hoffentlich vollständig renovierten Spielbudenplatz.
