New Lobster House
(Ausgehen in Hamburg, Herbst 2006)
Bis zum Bau des Glaspalastes, in dem sich heute unter anderem das Restaurant "Elba" befindet, blickte man von der großen Terrasse unter den Markisen noch auf den Hafen. Der Beliebtheit des Lokals tut die Mauer jedoch keinen Abbruch. Auch zur Mittagszeit lohnt sich der Besuch: Die Bedienung agiert flott und der Espresso dopio (4 Euro) zur Creme Brûlée stärkt fürs nächste Meeting. Es soll Menschen geben, die sich vorwiegend von den köstlichen, warmen Brotstücken ernähren, die mit sensationeller Aioli zu den Getränken serviert werden. Die Weinkarte offeriert wenig Besonderes (leichter Chardonnay 5,50, schmackhafterer Chablis 7,90 Euro), die Speisenauswahl vor allem klassische Fischgerichte und frische, saisonal wechselnde und meist im Ganzen servierte Meeresbewohner. Wir starten mit köstlicher Hummersuppe (7,50) und knusprig gegrillten Oktopusscheiben auf Salat mit dreierlei Dip (13,50 Euro). Auch der Loup der Mer (16,50 Euro), auf Wunsch mit frischen Salaten statt Gemüse, den ich zu meiner großen Freude selbst filettieren darf, verdient viel Lob. Außen knusprig, innen mit frischen Kräutern. So soll es sein. Die "Scampi spanischer Art" hingegen sind nichts für den "glotón", wie der Fresssack auf Spanisch heißt. Drei einsame Scampi hocken zwischen leckeren Pimientos (grüne Paprikaschoten) neben ihren leeren Panzern in der Pfanne. Gegen die Qualität der kleinen Verwandten des Hummers ist nichts zu sagen, aber Spaniens Inquisiteure hätten dem Wirtschafter des Hauses für die Kalkulation mit 17 Euro pro Portion vermutlich auf dem Nagelstuhl mit einem kleinen Feuerchen unter dem Allerwertesten Dampf gemacht. Apropos Wärme. Im Spätherbst sorgen zahlreiche Heizpilze für wohlige Abend-Atmosphäre auf der Terrasse. Auch drinnen ist es zwischen Fischernetzen und allerlei Nippes aus der Kajüte recht gemütlich. Am Tresen kann sich jeder an der großen Auslage frischer Fische und Meeresfrüchte von der Qualität der Ware überzeugen. Hummer gibt es natürlich auch. Ein halbes Tier wird ab 23,50 Euro (300 g), ein ganze Hummer ab 49,50 Euro (600 g) serviert. Sonntag und Donnerstag gibt's den Spaß satt für 49,50 Euro inklusive Knoblauchbrot und Saucen. Und wer man zwischen dem Knacken der Schalen einen ruhigen Moment auf der Terrasse erwischt, hört man die Wellen der Elbe an die Kaimauer platschen.
Fischclub, Blankeneser Landungsbrücken
(Ausgehen in Hamburg, Herbst 2006)
Die Blankeneser der Generation Golf kennen das heute gelb getünchte Haus auf dem Steg noch unter dem Namen "Op'n Bullen". Scholle Finkenwerder Art, mit Speck und Salzkartoffeln, Matjes, Rote Grütze und Eis "Fürst-Pückler"-Art bestellten unsere (Groß-) Väter dort am Sonntag beim Familienausflug. Und wenn die Dampfer kamen schwappte der Kaffee unterm Sahnehäubchen auf das Holztablett mit weißem Deckchen. Weil Parkplätze spärlich gesät und der Weg hinunter so schön war, kam man am besten gleich zu Fuß oder nahm die "Bergziege", auch bekannt als Minibus der Linie XX. Im Grundsatz hat sich daran wenig geändert. Gut, statt einem Kännchen Kaffee mit Sahne trinkt man "Latte Macchiato" und unter der Regie von René Schillag und Mihail Marjanovic gibt's kein Fruchteis, sondern "Sorbet". Die Rote Grütze aber und die Scholle, die Papi so gern mochte, stehen noch auf der Karte. Auch das Auto bleibt nach wie vor am besten im Dorf, also gut drei Kilometer Bergaufwärts in der Bahnhofstraße.
Für das perfekte Elbpanorama durch die über 16 Meter lange Fensterfront empfiehlt sich der Besuch gegen acht oder halb neun. Dann versinkt die Sonne zwischen Süllberg und Airbuswerft und mit etwas Glück posieren zwischen den auslaufenden Frachtern und Containerschiffen auch Feriendampfer wie die AIDA. Da schmeckt das Hausgebackene Brot mit Tomate doppelt gut, die gratinierten "Kiwi Muscheln" (7,50 Euro) nach großer weiter Welt. "Green Lip Mussels" heißen sie bei den Neuseeländern, die ein wenig mehr Käse nehmen. Auch die reich bestückte, klare Fisch(Club)suppe mit Safran (6,50 Euro) fällt, originell im Weckglas serviert, eher in die Kategorie Leichtkost. Klare Sache: Der Adel hält auf Taille. Dennoch haben die Klassiker augenscheinlich nichts von Ihrer Qualität eingebüßt. Zufriedene Gesichter picken Gräten aus der Nordseescholle im Ganzen (15,80 Euro) oder weißem Wels in Chablis auf Dijon-Senfsauce und Schwenkkartoffeln (15,50 Euro). Die Muscheln vom anderen Ende der Welt wecken unsere Wanderlust: Wir probieren Fischfilets am Zirtronengrashalm mit Wokgemüse auf Basmati-Reis (16,50 Euro) und Gnocci mit Flusskrebsen (13,50 Euro)! Die Meeresfrüchte sind etwas zäh, der Reis ein wenig klebrig. Mehr gibt's an diesem Abend nicht zu mäkeln. Der Fisch am Halm kommt in knuspriger Haut und gut durch, die Gemüse hatte die Küchencrew mit Kokosmilch und Vanille süß abgeschmeckt. Zum Dessert bringt die nette Kellnerin eine Schiefertafel: Wir nehmen die obligatorische Crème Brûlée, die mit Cassis Sorbet (6,80 Euro) und überflüssiger weil unreifer Sternfrucht gereicht wird. Das Eis? Herrlich fruchtig! Nur nicht so milchig wie einst das Erdbeerteil am sonntäglichen Fürst-Pückler-Stück. Die perfekte Creme hätte der alten Garde auch geschmeckt. Und als um kurz nach elf das letzte Containerschiff Richtung Schulau tuckert, wippt der Latte Macchiato sanft im Wellentakt und wirft eine Schaumflocke auf das Tablett.
Restaurant Fischmarkt. Ditmar-Koel-Str. 1 / Ecke Schaarmarkt
(Ausgehen in Hamburg, Herbst 2006)
"Inmitten eines zauberhaften mediterranen Flairs wird das Beste aus dem Meer gegrillt und gekocht" preist die Visitenkarte des Restaurants Fischmarkt in der Neustadt. Und in der Tat erinnern die üppigen Wiesen hinter den gelblichen Mauern im einschlägigen Dekor, die Inhaber Peter vermutlich Lühr für viel Geld an die Wände malen ließ, ein wenig an die bunten Bilder im Lehrbuch "Redde Rationem", mit dem man uns vor gut 25 Jahren die lateinische Sprache schmackhaft machen wollte. Bei den bunten Fischen, die zwischen den prächtigen Säulen über den üppig platzierten Grünpflanzen von der Decke baumeln dachten wir sofort an die putzigen Tierchen aus dem Zeichentrickfilm "Findet Nemo", weniger an die kulinarischen Wonnen von Florenz oder Venetien. Nun ja, über Geschmack lässt sich streiten. Es ist kurz vor zehn und die Begrüßung fällt trotz der zuvor telefonisch eingeholten Information, die Küche schließe um "punkt halb elf", sehr freundlich aus. Zum frischen Grünen Veltliner Josef Ehrmoser Tiefenthal (4,95 Euro) und knusprigem Weißbrot mit Meerrettichquark studieren wir die Karte. Aus dem vielfältigen Angebot an Meeresfrüchten, Klassikern wie Pannfisch von Lachs und Dorsch mit Bratkartoffeln und Pommery-Senfsauce (19,30 Euro) oder Nordsee-Seezunge "Müllerin" (zum Tagespreis ab 35 Euro) und asiatischem Wokgemüse mit Bratreis und Riesengarnelen (24,50 Euro) wählen Biolachs und Zander. Zum Auftakt schwanken wir zwischen Tatar von Matjes und Lachs auf geröstetem Vollkornbrot (7,60 Euro) und angebratenem Lachstatar auf Spargelsalat (9,70 Euro), um uns dann für eine mediterrane Komposition zu entscheiden - in der Hoffnung, dass der Küchenchef geschmackssicherer agiert als der Freskomaler. Das Team um Thomas Scheinemann, das in der offenen Küche unter einer rot-weiß-gestreiften Markise werkelt, enttäuscht uns nicht. Zart ruhen die Scheiben vom gebratenen Octopus auf Rucolasalat und leckerem Öl-Balsamico-Dressing (9,70 Euro). Auch das Hummersüppchen mit Staudensellerie (8,90 Euro) schmeckt, sehr gut sogar! Angesichts der vorgerückten Stunde trägt das freundliche Personal die Hauptspeisen schon bald nach den Vorgerichten auf. Dennoch nimmt sich der Serviceleiter die Zeit, uns zwei Weinempfehlungen zu präsentieren. Der kräftig-aromatische Biolachs (18,60 Euro) hat besseres verdient als den leichten 2004er Vernaccia di San Gimignano Panizzi aus der Toskana für 6,60 Euro. Herr Lühr Junior lässt sich davon keineswegs beirren und tischt mit gewinnendem Lächeln einen Probeschluck des 2004er Chablis Saint Claire Jean Marc Brocard auf. Viel besser! Der vollmundige Tropfen für stolze 8,50 Euro passt prima zur Meerrettich-Kruste auf dem saftigen Fisch und harmoniert gut zur Limonensauce mit Spargelstückchen. Wir hoffen, dass die geschmolzene Tomate mit stark konzentrierter Tomatensauce, die zur linken des Lachsfilets hockt, aus Versehen auf den Teller geraten ist. Perfekt gegart und mit allen Beilagen harmonisch abgestimmt punktet der knusprige Zander auf gebratenem Spargel mit Rucola und Krustentiersauce (19,90 Euro). Zum ordentlichen Espresso dopio (2,95 Euro) offeriert ein freundliches Wesen Rote Grütze mit Vanille-Sauce (4,90). Lieber hätten wir Créme Brûlèe, heiße Zwetschgen auf Rahmeis oder Griesflammerie mit Rhabarberkompott und Erdbeeren (je um sieben Euro) probiert. Doch es ist schon nach elf und die ersten Kellner verlassen bereits das Haus. In der Toskana wäre das nicht passiert. Und so gehen wir noch ein Stück an der Elbe zur Hafentreppe hoch und trinken unseren Absacker in einer zauberhaften italienischen Kaschemme auf St. Pauli.
Hummerschänke, Spaldingstraße 49, Hammerbrook
(Die Welt, Hamburg, 28. Januar 2006)
Hammer-Brook: Mekka für den zünftigen Hummerschmaus
Trotz der abgeschiedenen Lage zwischen Deichtorhallen und Berliner Tor ist die "Hummerschänke" ist seit der Eröffnung am 16. Dezember gut besucht. Vielleicht liegt es an der Urlaubsatmosphäre in dem rustikalen Ecklokal: Hellblaue Zäunchen vor den Tischen kontrastieren mit dunklen Deckenplanken und hübsch gemalten Hummerscheren. Nur die unbeholfenen Hummer-Comics in Öl hätte sich der Hausmaler sparen können. Freundlich grüßt der Patron auch zu später Stunde und geleitet uns an den mit Papier bespannten großen Tisch. Aus der auf Europa beschränkten Weinkarte mit Flaschenweinen zu 13,50 bis 21 Euro wählen wir aus Venetien fruchtigen Chardonnay (5,40 Euro) und harmlosen Pinot Grigio (3,80 Euro). Meeresgetier und Hummer bestimmen die kleine Karte, die höflicher Weise auch Schweine- und Rinderfilet (13,80 bis 19 Euro) verzeichnet. Auf Nachfrage offeriert die flinke Servicekraft auch Rindskraftbrühe oder Fischsuppe. Letztere schlägt mit 6,50 Euro zu Buche und bietet reichlich Muscheln und Schalentiere. Üppig auch die Vorspeisenplatte für 11,20 Euro: drei Kaisergranat, sechs frische Grönland-Shrimps und je zwei Austern, Flusskrebse sowie Kiwi-Muscheln. Dazu gibt es Holzbrett, Hammer, Plastikschürze und zwei Blecheimer. Mit Schwung wandert eine grüne Muschelschale der Green-Lip-Muschel (aus dem Kiwistaat Neuseeland) in den blauen Bottich. "Platsch"! O.K., das war der Eimer mit Warmwasser und Zitronenscheibe zum Händewaschen. Flusskrebs und Co schaffen wir spielend mit den Fingern. Erst zum Hummer natur oder aus dem Sud (400 Gramm kosten 19,99 Euro) kommt der Hammer zum Einsatz denn es gibt weder Hummergabel, Zange noch Nussknacker. Wenn das Scherenfleisch lockt hilft also nur brachiale Gewalt. Wer allerdings die Hammerspitze nicht punktgenau einsetzt macht das Dinner zum Splatter-Event.
Eleganter isst sich der Hummer Thermidor in Sahnesauce, der als Ragout Gabelfertig im Panzer drapiert wird. Zum Abschluss bestellen wir Crème Brûlée mit Zitronenaroma. Diese ist allerdings zu flüssig und für 6,50 Euro sehr übersichtlich portioniert. Der auf einem Vanillespiegel schwimmende Eischnee mit dem schönen Namen "Il Flotile" (Die Insel) und ein Espresso (1,90 Euro) dagegen runden das Mahl perfekt ab. Die Hummerbeinchen haben wir übrigens mit den Zähnen ausgelutscht. Aber das ist eine andere Geschichte.
