Windows im Hotel Interconti

(Ausgehen in Hamburg, Herbst 2006)

Über den Dächern der Stadt gelegen macht dieses Hotelrestaurant seinem Namen alle Ehre. Durch großzügige Fensterfronten schweift der Blick über die Alster und so verdauen wir auch den Preis von elf Euro für ein Gläschen Champagner zum Aperitif. Rene Baumgart, einst Sommelier im Seven Seas auf dem Süllberg, betreut die Gäste als Restaurantleiter und so lässt die Weinkarte kaum Wünsche offen. Von Klassikern aus Deutschland, Österreich und Südeuropa mit schmackhaften Flaschen um 35 Euro bis hin zu exotischen Gewächsen aus Neuseeland reicht das Angebot. Auch der Liter Vittel ist mit 8 Euro fair kalkuliert. Küchendirektor Andreas Gullich akzentuiert seine mediterranen Kompositionen mit exotischen Gewürzen und die Speisenauswahl präsentiert sich dabei angenehm reduziert. Das spricht für gute Qualität. Zwischen 18 und 23 Euro rangieren die Vorspeisen wie Gateaux von der Gänsestopfleber mit Salat von Frühlingskräutern und Granny Smith oder ein köstlicher Crépinette vom Hamburger Stubenküken mit Morcheln und Junglauch. Das als Zwischengericht deklarierte Delice von Main Hummer auf Kräuterpapadelle und Sauce Kreole kostet 26 Euro, zum gleichen Preis gibt es auch schon ein Hauptgericht wie etwa die Seeteufel Filets, gratiniert unter roten Zwiebeln auf Rahmspinat und einer Sauce mit Banjules, einem so genannten natürlichen Süßwein aus dem Roussillon. Kurz: die Jungs scheuen für das Wohl der Gourmets keine Mühen. So verdient auch die Variation vom Kalb mit Filet und Bries (ja, schön knusprig gebratener Thymusdrüse, verantwortlich für Wachstum und Knochenbildung und von etwas festerer Konsistenz als Hirn) mit Frischkäseravioli, grünem Spargel und Pfifferlingen das Prädikat "delikat". Ebenfalls 27 Euro kosten die feinen Atlantik Rotbarbenfilets mit geschmortem Kalamar auf Paprikarisotto, Fenchel und Chiliöl. Wer's rustikaler mag bestellt Spanferkel auf zwei Arten mit glasiertem Wirsing, kleinen Rübchen und Süßkartoffelsouffle (28 Euro). Den Gratin vom Rhabarber mit Pistazien, marinierten Erdbeeren und Bourbon-Vanille-Eis (12 Euro) haben wir uns geteilt. Ein Delice von Aprikose und Schokolade mit Marillenbrand-Sabayone (16 Euro) war einfach nicht mehr drin. Läge das Hotel in Sydney oder Auckland, hätten wir uns vom Anleger an der Alten Rabenstraße ein Wassertaxi ins Le Royal Meridian auf der gegenüberliegenden Alsterseite nehmen können. Aber das Tor zur Welt ist eben nicht gleichbedeutend mit Weltstadt. Und so trinken wir unseren Espresso unten im Foyer beim Pianisten an der Bar.

Bistro am Fleet

(Ausgehen in Hamburg, Herbst 2006)

"Vorsicht Stufe!" grüßt die freundliche Bedienung im BAF, kurz für das "Bistro am Fleet" im Hotel Steigenberger. Die Dame weiß worauf es ankommt. Nebenan im Wintergarten läuft ein kriminalistisches Dinner mit dem schönen Titel "Bei Verlobung Mord". Zwar komme ich mit einem Kollegen zum Essen - dennoch - treffen kann es einen überall. Vorsichtig treten wir also in den hinteren Teil des Bistros und stolpern sogleich, wenn auch nicht im Wortsinn über den Teppich. Das Grauen kommt wie gesagt, oft unverhofft, und wir wollen den Mantel des Schweigens über die Verfehlung in Grau-Blau mit geometrischen Mustern hüllen. Grandios hingegen der Ausblick aufs Fleet sowie das köstliche Vollkorn- und Weißbrot, das mit Gurkendip und Butter zum Kartenstudium gereicht wird. Als Aperitif lockt ein "Secco" für (4,50 Euro). Der deutsche, nach Sektmanier gekelterte Tropfen perlt für unseren Geschmack zu seicht, verdient aber ansonsten das Prädikat "gut gemacht". Besser gefällt der Sauvignon Blanc Palacio de Bornos für 5,90 Euro aus Rueda im spanischen Castilla i Leon. In der Rubrik Vorspeisen locken diverse Tapas, fünf nach Wahl kosten 8 Euro und die Wahl fällt schwer. Wie nehmen also alle und erfreuen uns an Pimientos de Padron, Hackbällchen, eingelegten Sardinen, marinierten Paprika, Bratfisch auf Reis, Gaspazo, Gampas, Chorizo-Wust sowie Manchego-Käse und Schinken. Das folgende Filetsteak mit knackigen Gemüsen (25 Euro) ist ein wenig zu durch gebraten. Aber wer keine detaillierte Bestellung abgibt hat selber Schuld. Zur köstlichen, rosa gebratenen Ente (16 Euro) bekomme ich schnell eine extra Portion Sauce und genieße einen Fina Cerrada Crianza (5,50 Euro), der sich keineswegs so verschlossen präsentiert, wie der Name vielleicht vermuten ließe. Um zehn Uhr beginnt die David Lynch Version von "CSI" im Fernsehen und so verschieben wir das Dessert auf den nächsten Besuch. Im Hintergrund plätschert gedämpfte Fahrstuhlmusik aus der Halle und die ersten Gäste der Krimi-Lesung erreichen mit wachsamen Augen das Foyer. Der Pianist lächelt unschuldig über die Tasten hinüber zum Fleet. An der Garderobe spricht niemand über den Krimi im Glashaus. Vielleicht wollen diese Menschen aber auch nur rechtzeitig zur "Crime Scene Investigation" ins traute, sichere Heim.

Olive Tree im Hotel Mercure

(Ausgehen in Hamburg, Herbst 2006

Den Römern galt der Olivenbaum als Symbol des Friedens und oft trug ein Friedens- oder Asylsuchender Bote einen in Wolle gewickelten Olivenzweig. Die Dekoration des modernen, vorwiegend in Grau gehaltenen Restaurants beschränkt sich leider auf ein paar Bonsai-Bäumchen, die mit ein Kerzenleuchtern und allerlei Nippes auf einer Nische neben dem Kücheneingang arrangiert wurden. Schweren Herzens nehmen wir an einem Tisch im ansprechenderen Nichtraucherbereich des Lokals Platz. An der Rückenlehne der Stühle mit empfindlichen, orangefarbenen Bezügen wurde zur Schonung der weichen Lederoberfläche ein Metallgriff angebracht. Eine gute Idee, die allerdings auch vor achtlos umher geworfenen Oliven nicht schützt. Nicht, dass uns die mit Mandeln gefüllten grünen Baumfrüchte nicht geschmeckt hätten. Auch in dem köstlichen Ciabatta machen sie als eingebackene Zugabe eine gute Figur. Bis all das neben der kleinen Vase auf unserem Tisch ankommt vergehen allerdings einige Minuten. Zeit für die opulent gestaltete, lilafarbene Karte mit den "Grands Vins Mercure Frühjahr - Sommer 2006", die viele bunte Bilder und Etiketten zeigt. Leider verweisen die meisten auf einen Flaschenwein, offen sind nur die 2004er Oberberger Bassgeige, ein trockener Grauburgunder aus Baden, die Roweincuvee "R" aus Rheinhessen (je 5,50) sowie der Rauentaler Baiken aus dem Rheingau für stolze 12,50 Euro pro Glas erhältlich. Die übersichtliche Speisenauswahl bietet Regionales a la Matjes nach Hausfrauenart, Roastbeef mit Remoulade und Bratkartoffeln oder Hamburger Pannfisch (9,50 - 12,50 Euro). Auch das restliche Angebot klingt auf den ersten Blick nicht besonders aufregend. Carpaccio vom Rind, Wok-Linguine mit Gemüse, Putensteak mit Kräuterbutter und Pommes (12,50 Euro) sind nicht gerade Straßenfeger. Wir versuchen uns mit gegrillten Riesengarnelen auf Beluga-Linsen, Wachtelspiegelei und jungem Frisee-Salat an Orangen-Minze-Vinaigrette (12,50 Euro) und werden angenehm überrascht. Die knackigen Garnelen kommen auf raffiniert gewürzten Linsen und origineller, leckerer Vinaigrette . Auch die marinierten Rinderfiletspitzen auf wildem Kräutersalat mit Lime-Kapern-Dressing (13,50 Euro) überzeugen durch Kreativität und ein originelles, säuerliches Dressing. Schnittlauch, Rosmarin und Thymian hat der Küchenchef schlicht grob geschnitten auf den Salat gegeben. Eine rustikale Variante, die schmeckt. Weiter geht's mit drei kleinen Seeteufelmedaillons mit einem Basilikum-Kartoffelflan im Mini-Glas und fünf Scheibchen Chorizo (14,50 Euro). Zu der leckeren Kreation werden zwei große Löffel scharfer, roter Mojo gereicht. Hungrig blicke ich auf "eines der besten Wiener Schnitzel von Hamburg" für 17 Euro neben dem Wein meines Begleiters. Zwei große, knusprige Scheiben sitzen dort neben einer ordentlichen Portion Kartoffelsalat nebst eingelegter Sardine und Zitronenscheibe. Nach einer Viertelstunde habe ich Andreas ein Drittel der Portion abgeschwatzt. Dafür darf ich sein weißes Toblerone-Parfait und den köstlichen Blaubeerschaum probieren. Für ebenfalls 5,50 Euro bestelle ich Panna Cotta mit zwei gegrillten Feigen, Himbeerkompott und Schokoladensorbet. Letzteres umhüllt in Form von warmer Couverture die Feigen und erinnert eher an dickflüssiges Olivenöl als leichtes Speiseeis aus Eischnee, Läuterzucker und Fruchtpüree. Vielleicht ist diese kalorienreiche Verbindung ein Faux Pax von kulturhistorischer Bedeutung: Im irdischen Paradies der islamischen Legende nämlich gelten die Bäume der Feige und Olive als verboten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Piazza Romana im Hotel Elysee

(Ausgehen in Hamburg, Herbst 2006)

Ein Besuch im Elysee war schon immer etwas Besonderes. Einst galt das Boulevard Cafe zwischen Lobby und Burbon Street Bar als Laufsteg für Kontaktsuchende Damen. Die Regieführung so munkelte man, oblag dem Pianisten, der sein Organisationstalent später auch anderorts unter Beweis gestellt haben soll. Heute diskutiert man in der Gerüchteküche andere Werte. Etwa die Zahl der Millionen, die bis Ende April in die Renovierung des Grand Elysee geflossen sind oder die Schlafzeiten der vier Papageien in der Voliere des Restaurant Piazza Romana. Bei meinem Besuch an einem brütend heißen Freitag im Juli sind die zwei Aras und Zwergpapageien schon zu Bett und unter den vielen Zeugen Jehovas, die nach ihrer Sitzung im Tagungssaal des Hauses mit lila Plakette am Revers das ganz in weiß gehaltene Lokal bevölkern, bekomme ich um kurz vor neuen nur knapp einen Platz. "Befreiung greifbar nahe" steht auf den Namensschildchen und angesichts der Außentemperatur von 36 Grad wünsche ich mich auf die seit 18 Uhr geschlossene Terrasse. Schnell versorgt mich ein freundliches Wesen Namens Franco Ranocchi mit Sauvignon Blanc von Collio (neun Euro das Viertel), frischen Kapern und leckerem Ciabatta, in das leider viel zu salzige schwarze Oliven eingebacken wurden. Meine Mutter versorgt derweil die letzten Gäste ihres Apartmentbetriebes und steht kurz darauf hungrig vor einem großen Loch in der Moorweidenstraße, hinter dem sich einst der Hoteleingang befand. Lorenzo lotst die Dame übers Handy in die Garage und drängt höflich zur Bestellung. Die Küche schließt um zehn. "Grand" steht eben nicht für Grand Hotel und ich bestelle für Mami das Carpaccio vom Nordfriesischen Milchkalb mit Muränenkaviar und Zitronen-Creme-Fraice (14 Euro) und einmal Riesengarnelen in Knoblauch, bunter Paprika und Kräuterpesto auf Risotto (21 Euro) sowie das Duo von Hummer und Jacobsmuschel mit Selleriesalat nebst Filets vom Loup de Mer mit Flusskrebsschwänzen und weißem Spargel (21,50 Euro). Der Rest des Abends ist schnell erzählt. Zu den köstlichen Vorspeisen versorgt uns Lorenzo rührend mit wohl temperiertem Wein. Um kurz nach zehn verlangen unsere ebenfalls Bibeltreuen Apartment-Gäste aus Holland übers Handy ein weiteres Zimmer. Befreiung hin oder her - gemischte Schlafräume sind bei Jehova nicht vorgesehen - und der Hotellier hat eben erst dann Feierabend wenn die Gäste zufrieden sind. Lorenzo trägt unsere Hauptgänge zurück in die Küche. Im Vertrauen auf zwei Paar braune Augen und American Express. Natürlich hat er eine dreiviertel Stunde auf uns gewartet und die leckeren Speisen perfekt aufgewärmt. Nur das Campari-Sorbet mit Bitterschokoladenblüte, die geeiste Marzipan-Lasagne mit weißem Nougat oder das Cappuccino Mousse mit weißem Nougat (je 6,50 Euro) waren nach unserer Rückkehr um kurz nach elf nicht mehr zuhaben. Zum Trost gibt's vier Minikuchen zum Espresso (zwei Euro). Nächstes Mal gehen wir nachmittags auf ein Dessert ins Boulevard Cafe, dann ins Restaurant.

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