L'Auberge, Univiertel Hamburg

(Ausgehen in Hamburg, Herbst 2006)

Die Vielfalt französischer Kultur offenbart die L'Auberge. Mit Goldkettchen (ja, das obligatorische Kreuz) und Silberarmband grüßt Patron Ionel Luta im weiß gedeckten Restaurant mit gediegenen Lederbänken und geleitet uns zu unserem reservierten Tisch am Eingang. Pardon Monsieur, aber wir gedachten weder zügig noch zugig zu speisen. Es ist halb sieben und auf der Empore am Fenster sind noch viele Tische frei. Merci. Bei einem frischen Cremont "Saphir" von Bouvet Ladubay von der Loire (9 Euro) studieren wir die Lage: Zwei elegante Paare und eine größere "Runde 50 plus" bevölkern das Lokal an diesem Montag Abend. Die Karte offeriert ein aus drei Gängen frei zu wählendes Menü (27,50 Euro) sowie französische Klassiker a la Fischsuppe Marseille (9,50 Euro). Zum Auftakt ein herrlich leichter Gruß aus der Küche: Knackige Karotten- und Sellerie-Sticks mit Gurkendip, Oliventapenade und einer Stilechten Rouille. Aus der übersichtlichen Vorspeisenkarte bestellen wir warmen Ziegenkäse mit Apfel und Calvados-Vinaigrette (11,50 Euro) und Gänsestopfleber auf grünem Spargel, warm mit Trüffel Öl (16,50 Euro). Mit einem Hauch von Mehl paniert und rosarot gebraten zergeht die Foie Gras auf der Zunge. Statt der klassischen Brioche dabei hat Küchenchef Alecandre Jegard geröstete Weißbrotscheiben darunter gelegt. Die zum Amuse-Gueule gereichten Baguette-Scheiben hätten in dieser Form übrigens auch eine gute Figur gemacht. Für den vorgesehenen Genuss waren sie bereits zu trocken. Herrlich weich und sämig hingegen der Ziegenkäse, der ebenfalls auf einer Knusperbrotscheibe ruht. Die balsamierten Apfelscheiben dazu erfreuen durch Würze, der Rucola wird mit einem leckeren Dressing gereicht. Das Salat-Bouquet zur Gänseleber hingegen sitzt auf dem Trockenen. Dressing zum Salat, Madam? Nein, das ist nicht vorgesehen. Das schnell herbeigeschaffte Sösschen besticht dann leider durch Säure statt Finesse. Da bereiten die Weine mehr Vergnügen. Zur Leber empfiehlt Luta den süßen 2003er "Clos Uroulat" Jurançon von Charles Hours und öffnet schon mal den 2001er Bordeaux Supérieur Château de l'Apoline (29 Euro). Beides entpuppt sich als gute Wahl. Beim Eintreffen der Hauptspeisen geht die Bouteille Dank guter Gespräche bereits der Neige zu. Die zweite Flasche gibt einen exzellenten Begleiter zum rosaroten Lammrücken auf weißen Bohnen und Anis-Sauce (Hauptspeisen 16 - 19,50 Euro), von der wir zu wenig auf dem Teller jedoch schnell nachbestellt haben. Zum Filet vom St. Pierre wird ein dezent nussiges Haselnuss-Kartoffelmuss gereicht und der Rote besticht sowohl beim Petersfisch wie auch am nächsten Morgen durch Qualität. Und die Desserts? Nun, das Parfait von Eis und Sesam mit Couli von Erdbeeren und Lavendel (6,50 Euro) heben wir uns für den nächsten Besuch auf. Die Crème Brûlee (6,50 Euro) werden wir wieder bestellen. Leicht und lecker: die Pflaumen in Armanac mit Sorbet und weißem Pfeffer (7 Euro). Sensationell: Die Rechnung, die Monsieur zum Espresso (drei Euro) und Mürbegebäck reicht. Die EC-Kartenmaschine sei gerade defekt und wir mögen doch bitte eine Visitenkarte zwecks Rechnungsübersendung hinterlassen. Sonst nichts. Gerührt von so viel Vertrauen begeben wir uns nach Eimsbüttel in eine herrlich schummrige, von einem Franzosen geführte Bar. Ein guter Whiskey bei Edmont bringt neue Erkenntnisse über den Sinn des Lebens als Single und Restaurant-Tester. Aber das ist eine andere Geschichte.

Bar Cassis, Univiertel

(Ausgehen in Hamburg, Herbst 2006)

Die gemütliche Brasserie im Universitätsviertel besucht man am besten zu Fuß oder mit dem Rad. Das klaustrophobische Einbahnstraßengewirr (auf Toleranzdeutsch "Verkehrsberuhigung") stellt hungrige Autofahrer auf eine harte Geduldsprobe und die Weinkarte hält zu viele Versuchungen bereit. Um kurz nach halb zehn betreten wir erschöpft (Parkplatzsuche) und voller guter Vorsätze (zu Fuß nach Hause gehen) das Lokal. "Bonsoir, Boinsoir!" flötet der Patron. Daniel Palikucin und seine Frau Mishel freuen sich auch zu vorgerückter Stunde noch über Gäste. An einem lauschigen Plätzchen gegenüber der Bar studieren wir das Ambiente und die Speisenauswahl. Stoffservietten in Weiß, Papiertücher über den bordeauxroten Tischdecken, silberne Kerzenleuchter, liebevoll restaurierte Stuckarbeiten unter der Decke in Rot und Gold, original Blechschilder von Ricard und Perrier, dazu Schwarz-Weiß-Fotografien französischer Chansoniers und einige Plakate. Im Hintergrund läuft Yves Montand. Willkommen in Frankreich. Zum Auftakt bestellen wir bei einer zarten jungen Dame Pastis (4 Euro) mit Wasser. Schnell schimmert der Ricard milchig im Glas, Mademoiselle bringt dazu knuspriges Baguette und am Nachbartisch hackt eine Dame professionell das erste Loch in die Zuckerdecke ihrer Crème Brûlée. Bei herrlich zarten Schnecken für 6,50 Euro (stilecht mit Zange, langer Gabel und aromatischer Kräuterbutter serviert) und Fischsuppe a la Marsellaise (8,50 Euro) mit leckerem Röstbrot schwatze ich meinem Kollegen schon mal die Tarte Tartin mit Vanilleeis und Fruchtkompott (4,50 Euro) auf. Eingelullt von köstlichen Fischaromen nickt der Mann ergeben und überlässt mir zum Dessert den Vorzug für die Crème. Als die aufmerksame junge Dame mit den Hauptgängen naht ist es weit nach zehn und der Patron nimmt seinerseits ebenfalls mit einem Teller an einem Tisch neben der Eingangstür Platz. In der Küche scheut man zu später Stunde keine Mühen. Die Entenbrust (satte elf knusprig gebratene Scheiben) mit Karotten und herrlich quietschigen grünen Bohnen (16,50 Euro) zergeht auf der Zunge und von der feinen Sauce bringt die junge Dame auf Wunsch gern Nachschlag. Auch das Filetsteak Mignon (17 Euro) verdient das Prädikat "butterweich" und wird mit den gleichen Beilagen serviert wie die Ente. Dazu trinken wir einen offenen Superieur Bordeaux (4,80 Euro), Montand besingt leidenschaftlich "la bicyclette"". Auch Mademoiselle hat sich inzwischen zum wohlverdienten Diner niedergelassen. Selbstredend nicht, ohne vom Tisch des Patron den Fortgang unseres Mahls aufmerksam zu verfolgen. Zum Espresso (2 Euro) bringt sie eine kleine, fest gebrannte Crème Brûlée (4,50 Euro), der wir uns (ja, ich musste abgeben), mit ein, zwei kurzen Schlägen durch die zum Teil kristallisierte Zuckerkruste nähern. Köstlich auch die Tart Tartin. Meine Freundin Tina behauptet, Restaurant-Tester hätten immer was zu meckern. Sie hat Recht. Die Rouille zur Fischsuppe hätte aromatischer und weniger sandig schmecken können. Aber das hatten wir beim abschließenden Cognac längst vergessen.

Bistrot Souterrain

Es ist kurz vor neun und der Wind bläst unwirtlich in den S-Bahn-Schacht Berliner Tor. "Wo in Gottes Namen willst Du hier ein Restaurant testen?2 Mein stets aufopferungsvoller Begleiter Andreas blickt verständnislos auf die dunklen Bürotürme, die drohend die Hauptstraße flankieren. Und wo bitte ist die Ferdinand-… wie heißt die Straße? Ferdinand Beitstraße heißt sie und wurde vermutlich nach dem gleichnamigen Hamburger Banker benannt, der seit 1870 auf dem Ohlsdorfer Friedhof ruht.
So schwierig wie die Ergründung der Biographie dieses Herrn gestaltet sich auch die Suche nach dem Bistro le Souterrain. Auf den Immobilienseiten des Abendblattes liefen die Räumlichkeiten vermutlich als "möblierter Keller, gefliest, mit separater Bar, getrenntem WC und Einbauküche". Da wir den Laden nicht mieten wollen treten wir in freudiger Erwartung auf Cousine Francaise die Stufen hinab. Die sieben Tische sind mit bunten Papierdecken bestückt. Das silberne Besteck darauf wurde ebenso frei zusammengewürfelt wie die Tulpen, Kürbisse, Kerzenhalter und Schiefertafeln, die Wände und Fensterbretter zieren. Und während Patron Alain Lausdat behände als Sommelier und Servicekraft in Personalunion fungiert schmettert ein Frauenzimmer im Hintergrund wunderbare Chansons. Willkommen in Frankreich. Die Weine hat Monsieur nach Regionen gelistet, rote zuerst. Der Merlot Tanat (2003) Domaine du Mage von der Côtes des Gascogne für 6 Euro das Viertel ist leider aus. Wir folgen der Empfehlung des Patron und nehmen den Syrah aus dem Midi und der Vin de Pays d'OC - eine schmackhafte Alternative. Die Preisgestaltung der Karte rät zu einem der drei Menüs für 16,50 oder 21,50 Euro, je nach Komposition. Sechs Gänge schlagen mit 33,50 zu Buche. Doch es ist spät, das große Menü ist aus, wie Alain mit französischer Selbstverständlichkeit erklärt. Ebenso selbstverständlich dürfen wir dann unser Dreigang-Menü frei aus den noch erhältlichen Speisen wählen. Dann also bitte Jacobsmuscheln a la Parisienne (in Weißweinsauce mit Champignons, als Vorgericht 16,50 Euro), vier warme Austern in Muscadet pochiert und gratiniert (10,50 Euro), Kaninchenragout mit Safran und Kartoffeln (15 Euro) sowie Sepia á l' Americaine mit Reis in Kräutertomatensauce (13,50 Euro). Der Streifzug durch die Regionen des Landes lässt wenig Raum für Kritik. Gut, O.K. das Brot kommt erst zum Essen und auch die Servietten bringt der Patron erst zum Salat nach der Vorspeise. Na und? Zart präsentieren sich die Nüsschen der Coquillle Saint-Jaques inklusive Corail (Rogen), das Kaninchen fällt vom Knochen, die scharfen Stückchen von der Sepia trennen wir elegant mit der Gabel in mundgerechte Stücke. Madame versteht ihr Handwerk. Um halb zwölf summt in der kleinen, schlichten Haushaltsküche bereits der Geschirrspüler, dazu wippen die Spinnenweben über der Garderobe im Flur sanft im Takt. Gisela Lausdat hat in der kleinen Bar am Rande des Geschehens vor dem Fernseher Platz genommen. So bringt Monsieur zum Doppelten Espresso (2,80 Euro) eine Créme Caramel mit Grand Manier (4,50 Euro) nebst feiner Marquise au Chololat (5,50 Euro). Die geeiste Süßschaumspeise mit Schokolade zergeht auf der Zunge, die feste Créme Caramel präsentiert sich so perfekt gestockt wie gestürzt. Während wir auf das Taxi warten erklärt Madame uns ihre eingelegten Schätze auf der Durchreiche zur Servicebar. Ein Glas Orangenscheiben, gespickt mit Pfeffer und Thymian für die Desserts, aus Mirabellen und Schattenmorellen pur macht sie Schnaps. "'Es ist nicht schwer", versichert sie, "wenn man das richtige Verhältnis kennt." Gut zehn Minuten später sinken wir glücklich hinter den Sitz eines von der Suche erschöpften Taxifahrers. "Ist das ein Restaurant?" Nein, es ist ein Bistro. Und ein Stück französischer Savoir Vivre. Und wenn man die Sache ins richtige Verhältnis zu den Stadtgrenzen setzt, liegt es sogar Mitten in Hamburg.

Chez Bernard, Eppendorfer Landstraße 10

(Ausgehen in Hamburg, Herbst 2006)

Nach zwei, drei Restaurantbesuchen in Eppendorf drängt sich der Eindruck auf, die dort Ansässigen setzen mehr auf Optik als Qualität. Warum sonst platzen schnöde Kneipenlokale oder Schicki-Micki-Treffs stets aus allen Nähten während bei Bernard Fitoussi an einem milden Sommerabend nur wenige Tische besetzt sind? Ja, die einfachen Plastikstühle auf der ruhigen Terrasse an der Ecke zum Hegestieg sind kein Hingucker und auch im Gastraum regiert eher neu-mediterrane Gemütlichkeit. Doch spätestens beim Blick auf die täglich wechselnde Karte ahnt der interessierte Gourmet, dass Monsieur Fitoussi mit Leidenschaft in der Küche wirkt. Passepierre-Algen, Kaperntartar, Nierchen, Bioleber, Merguez, Sauce Ravigôte… - all die kleinen Schweinereien, die man bei in der so genannten Szeneküche vergeblich suchen wird. Ja, das kostet, werden sie denken und im Geiste schon weiterblättern. Hoffentlich zur Mittagskarte des einst im Casse Croute tätigen Patron, die bereits ab 3,90 Euro kleine schmackhafte Gemüsegerichte wie Avocado mit Oliven-Kaperntatare oder Blumenkohl mit besagter Ravigôte, einer Vinaigrette mit gehacktem Ei, Kapern, Cornichons und Zwiebeln, offeriert. Fein duftet das Weißbrot, das Madame Fitoussi zur Karte reicht während ein freundliches Wesen den 2003er Chablis Premier Cru Montmains aus der Domaine Sainte Claire, Jean-Marc Brocard (36 Euro) entkorkt. Der schmeckt als Aperitif wie zur Pate Maison und ausgelöstem Kaninchenrücken (11,90 Euro). In der köstlichen, groben Pastete des Hauses hat der Cuisinier Bison, Kalbslber und Rhabarber verarbeitet. Insgesamt nix für zarte Eppendorfer Hungerhaken. Auch das Kaninchen mit Nierchen auf Salat von Austernpilzen, Pfifferlingen und hausgemachten Bandnudeln hätte man sich entspannt teilen können. Trotzdem verdrücke ich die leckere Portion ganz und allein. Weiter geht's mit rosa gebratner Canette, also Entenbrust, auf wohl temperiertem Artischockenherz, Portweinjus und Risotto (15,90 Euro). Die Entscheidung zwischen Rosato-Kalbspaillards (Schnitzel) mit hausgemachtem Gewürzketchup und neuen Kartoffeln (13,90 Euro) und der Poularde auf Rote Bete-Salat mit Ravigôte (9,90 Euro) oder gar Kalbsleber vom Biofarmer Peter mir Rhabarbersauce (15,90 Euro) fällt schwer. Die Poularde macht das Rennen und überzeugt mit einfachen aber konzentrierten Aromen. Beim zunächst schwer misslungenen Espresso, den Madame aber unbeirrt gegen einen neuen, sehr schmackhaften tauscht und nicht berechnet, erklärt man uns den Unterschied zwischen einer Netz- und einer Charantais-Melone. Erstere ist grün-gelblich und eher süß, letztere innen orange, sehr aromatisch und lebt in einer grünen Schale ohne Rillen. Mit frischem Zitronensorbet (4,90 Euro) schmeckt sie ganz hervorragend. Auch der Pfirsich mit aufgeschlagenem Joghurt (5,90 Euro) gehört in die Rubrik leicht und lecker. Gut hundert Euro verlangt das Ehepaar Fitoussi für seine Mühen. Ein fairer Preis für einen durchweg gelungenen Abend ohne Türsteher, Szenerummel und überflüssiges Chichi.

Im Elsass, Colonaden 3

(Ausgehen in Hamburg, Herbst 2006)

In der Nordöstlichen Province Alsace arbeiten heute mehr Menschen im Dienstleistungssektor als in der Industrie und Landwirtschaft. Vielleicht sind die Landestypischen Spezialitäten wie Straßburger Gänseleberpastete, Sauerkraut, traditionelle Würste oder der Munsterkäse deshalb hierzulande so schwer erhältlich. Kenner werden inHamburgs einzigem Elsässer Restaurant fündig, das mit viel dunklem Holz und noch mehr leeren Flaschen dekoriert wurde. Im Souterrain und auf den 35 Terrassenplätzen werden neben original Rezepten a la Baeckeoffe (Straßbourger Eintopf mit Rind, Hammel, Schwein und Riesling) oder in Weißwein geschmorter, gefüllter Karpfen auf Sauerkraut auch zahlreiche Flamm(en)kuchen auf der Karte geführt, also flache Brotteigkuchen, die mit einer Schicht aus Zwiebeln, Sahne und Speckwürfeln überbacken sind. Dazu Weine von Trimbach, Gisselbrecht, Lorentz, Elsässer Brände von Mette - so gehört es sich für eine "Winstube".
Wir probieren einen leckere Flammkuchen "Bauern Art" mit klassischem Belag (7,90 Euro) und wenden uns dann den exotischen Dingen zu. Ja, eine Schneckenrahmsuppe (5,85 Euro) ist vermutlich politisch nicht korrekt, köstlich jedoch schmeckt sie in dem urig eingerichteten Bistro allemal. Vor allem, wenn die Betreiberin, Madame Barlag serviert. Ihr Mann Jürgen steht abwechselnd mit Küchenchef Andre Neitzel am Herd. Dessen Vorspeisenetagiere "Le Bel Etage Alsac" (13,80 Euro) zählt zu den Spezialitäten des Lokals und bietet Gänseleberfarfait mit Muskatgelee, Lachstartar auf Kartoffelrösti, Entenbrust und Wildpastete. Dazu schmecken Riesling und Pinot Blanc aus dem Anbaugebiet Alsace (je 5,50 Euro). Den klassischen Zander mit Sauerkraut und die mit Entenleberfarce gefüllte Perlhuhnbrust auf Blattspinat am Kartoffelgratin (um 13 Euro) begleitet der Rouge Barique (7,70 Euro). Das pro Couvert 50 Cent berechnet werden hätte uns auch in Frankreich passieren können. Dafür schmecken die Sabayon mit Cointreau (7,80 Euro) und der Apfelstrudel mit Zimt und frischer Sahne alias "tarte aux pommes à l'alsacienne" in der Hamburger City so köstlich wie am Rhin.

Le Paque Bot, Gerhart-Hauptmann-Platz 70

(Ausgehen in Hamburg, Herbst 2006)

Das Restaurant am Thalia Theater bietet viele Genüsse: Original Art Deco-Ambiente sowie bodenständige und mitunter raffinierte französische Kost. Kurz vor neun wählen wir einen kleinen Tisch in dem tagsüber Lichtdurchfluteten Lokal. Er wackelt beharrlich und so ist der Service schnell bei einer Neubesetzung behilflich. Mein Begleiter stammt aus einem kleinen Ort der Provinz Côte-d'Azur und behauptet, er kenne nur Sauvignon Blanc und Pinot Noir. Bei einem Weißburgunder von Heger aus Baden (Kaiserstuhl, 6,50 Euro) erweitern wir seinen Horizont und knuspern frisches Baguette. Oh, pardon, der Kräuterquark ist für zwei! Also noch ein Portiönchen im Blumenformat. Dann geht's zügig zur Sache. Statt des erwarteten Amuse-Gueule kommen die Vorspeisen: Crostini mit Artischoken (5 Euro) in Form von zwei dicken Weißbrotscheiben mit würziger Creme und warm marinierte Rotbarbenfilets auf Glasnudelsalat umgeben von Wasabischaum (10 Euro). Zum letzten Tropfen der gelungenen Sauce erinnert die Theaterglocke im Hintergrund an den fünften und letzten Aufzug von Shakespeares Sommernachtstraum. Der Service hat die Realität fest im Blick: Bald fällt der Vorhang und die Hauptgerichte müssen auf den Tisch! Cabernet (6 Euro) und Rioja (5,50 Euro) werden also schon zum letzten Bissen des Artischoken-Brotes gereicht. Pausen sind in diesem Teil des Hauses nicht vorgesehen. Die Kalbsleber in Balsamicojus auf Möhren und Kartoffelschnee gleicht Titanias Begegnung mit Bottom als Esel: ein absoluter Traum. Der Bachsaibling im Pergament kommt als Riesenbonbon und gelungene Überraschung. Zart ruht er im Chardonnay-Schaum mit Fenchel, Kirschtomaten und Kartoffeln, wird allerdings vom Fleischgang in punkto Würze gnadenlos an die Wand gespielt. Um Punkt 22.30 fallen die Theatergäste ein. Pucks Abschlussmonolog hat gefruchtet, zur Dessertkarte sind wir umgeben von tiefgründigen Gesprächen über die Metapher des Esels im Elisabethanischen Theater. Zu den Rohmilchkäsen (fünf Stück für neun Euro) gibt's Pumpernickel streichzarte Butter und Trauben. Der Rhabarbercrumble mit Minze hätte auch Titania gemundet und erinnerte abgesehen von den hippen Tonkabohnen (im Parfait umgeben von Schokoladen-Biskuitmantel) schwer an meine (gewichtigen) Jahre in einem britischen Internat. "C'est bon!" befindet auch der Franzmann. Unser deutscher Kellner grüßt die Nachzügler mit einem beflissenen "Bon soir". Die Figur des Jaques in Shakespeares "As you like it" hatte recht: All the world's a stage.

Ti Breizh, Deichstraße 39

(Ausgehen in Hamburg, Herbst 2006)

Auf den ersten Blick geht "Das Haus der Bretagne" glatt als Damenboutique für jung gebliebene Elbvorortler durch. Im fröhlichen Streifenlook locken Pullis, T-Shirts und Accessoires, dazu allerlei maritimer Nippes fürs Heim. Keine Frage: Das Schaufenster würde auch in der Blankeneser Bahnhofstraße eine gute Figur machen. Wie viele der zahlreichen Besucher, die sich hier täglich an Cidre und Crepes sowie Süppchen a la Francais laben aus Blankenese stammen, ist allerdings nicht zu ermitteln. Fest steht: Der Apfelwein, den junge Damen in gestreiften Shirts emsig an die großen und kleinen Holztische in dem historischen Kaufmannshaus von 1700 am Nicolaifleet die tragen, kostet faire 2,10 Euro pro Tasse. Dazu ordern wir eine Soupe de Poisson für 5,40 Euro, suchen die Fischstücke darin allerdings vergebens. Vermutlich hat der Koch sich auf die Karkassen der Meeresbewohner beschränkt. Dennoch: Das Schälchen mit Käsestreifen drin und Croutons daran bildet - ebenso wie die eingelegten Sardinen oder Makrelen-Filets in Muscadet auf Salat (je um 5,50 Euro) - einen feinen Auftakt für das anstehende Studium der Galettes und Crepes. Das fordert Konzentration, denn schließlich ist Pfannkuchen nicht gleich Pfannkuchen. Crêpes werden aus Weizenmehl, eine Galette hingegen mit "farine de sarrasin, also Buchweizenmehl hergestellt und bildet mit herzhaften Füllungen den Hauptgang einer Mahlzeit in der Bretagne.
Je über 30 Buchweizen und Weizen-Crêpe-Varianten verzeichnet die Karte, dazu noch mal ein halbes Dutzend flambierte Rezepte. Gut zu wissen, dass alle hier tätigen Crêpiers ihr Handwerk in der Bretagne gelernt haben. Schon der einfache "Galette Complète" mit Kochschinken, Spiegelei und Käse (6,50 Euro) ist ein Gedicht. Ebenso köstlich die Käsevarianten "Quatre Fromages" mit Emmentaler, Ziegenkäse, Raclette und Roquefort (8,80 Euro) oder "L'Hivernale" mit Zigenkäse, gedünstetem Chicoree, Honig und Salatbeilage (8,70 Euro). Dazu schmeckt der offene Weiße vin de pais l'Hérault für drei Euro. Zum Nachtisch probieren wir Crêpe mit karamellisiertem Bratapfel (4,90 Euro) und geben uns für einen klitzekleinen Moment der Illusion hin, einen Nachtisch Marke "leger" zu ordern. Schließlich hat die Variante "XXL" mit Apfel, Karamel, Banane, Vanilleeis und Mandeln (6,60 Euro) deutlich mehr Kalorien. Die T-Shirts im Streifenlook können das verkraften. Sie sind in den Größen XS bis XXL erhältlich. Natürlich halten die Damen aus Blankenese meist auf Taille. Aber die bretonischen Spezialitäten mögen sie sicher ebenso gern wie den Kuchen aus der Stadtbäckerei in der Bahnhofstraße.

Voltaire, Friedensallee 14-16

(Ausgehen in Hamburg, Herbst 2006)

Der französische Philosoph und Schriftsteller Francois Marie Arouet alias Voltaire hätte sich für ein Tête-à-Tête mit seiner langjährigen Geliebten Emilie du Châtelet vermutlich ein anderes Plätzchen gesucht. Schnell dringen in dem hohen Saal mit großer Fensterfront, Eierschalenfarbener Decke und rustikalen Holztischen Gesprächsfetzen der Nachbarn in die Konversation. Auch die Aufmerksamkeit, die der berühmte Aufklärer des 18. Jahrhunderts mit seinem Spottstück auf den Propheten Mohamed erhielt, wird der Küche dieses Lokals nicht zu Teil werden. Das ist gut so denn Voltaires Tragödie "Mahomed" wurde nach der dritten Aufführung 1742 abgesetzt weil der katholische Klerus die Kritik am Propheten ganz richtig als Kritik am Priestertum und Religionsfanatismus überhaupt verstand. Und wegen einer etwas zu fad geratenen Fischsuppe mit Karotten und Zuccini auf Tomatenbasis (4,90 Euro) muss man ja nicht gleich bis zum Äußersten gehen. Schließlich versammelt sich hier vor wie nach dem Besuch im Zeisekino "tout Ottensen" auf ein Glas Candiato (rot, vier Euro) oder ein Bier (um drei Euro) oder wartet bei frischem Weißbrot und streichzarter Butter auf ein anständiges Bistro-Gericht. Die Küche versetzt Bodenständiges aus Frankreich mit nordafrikanischen Akzenten, trotzdem widerstehen wir der Faszination des CousCous zum Lamm mit Merguez Würsten (um 12 Euro) und halten uns an Klassiker. Der Ziegenkäse namens Crottin de Chavignol mit einer dünnen, weißen Schimmelrinde auf Apfelspalten mit Rucola (7,50 Euro) gibt eine satte wie sämige Vorspeise. Die im Ganzen gebratene Dorade (13,90 Euro) ertrank bei unserem Besuch leider in einem See aus frischer Butter. Mit etwas Olivenöl und mehr Salz hätte man daraus eine knusprige Delikatesse machen können. Auch der Lammrücken unter der Petersilien-Kräutermelange mit Quiche, Blumenkohl, Brokkoli, Kohlrabi und Möhren bestach eher durch gleichmäßige Konsistenz als eine knusprige Kruste. Die "Crema Catalan" - traditionell mit Zitrone und Vanille kommt als feine "Creme Brûlée" mit karamellisierter Haube. Voltaire schrieb 1765 in einem Brief an den Comte d'Artois: "Was Köche anbelangt, so dulde ich weder das Schinkenaroma noch das Übermaß von Pfeffer und Muskat, mit denen sie die an sich gesunden Speisen verändern." Er schätzte die einfache Küche. Aber das ist eine andere Geschichte.

Copyright © 2008 Anneli Dierks - Freelance photo-journalist and copywriter - Food, Travel and Wine around the world | All Rights Reserved