Adelaide, Paradies für Weinenthusiasten

Hifi Stars Magazine, Frühjahr 2010

Südaustralien! Die Meisten denken dabei zunächst an Wein, die Top-Adressen der australischen Cuisine vermutet man Sydney oder Melbourne, im Dunstkreis von Rockpool & Co. Dabei bietet Adelaide, auch nach der Schließung des legendären Hilton-Restaurants „Grange“ viele Top Adressen. Neben exklusiven Lokalen wie „Auge“ (Grote Street) und „The Wine Underground“ (Pirie Street) bestimmen vor allem die zahlreichen europäischen Einwanderer das kulinarische Flair am Torrens River.

 

Weinenthusiasten auf der Suche nach dem perfekten Tropfen im Barossa, Coonawarra, McLaren- oder Clare Vale haben ein Problem: Sie müssen wählen zwischen kurzen Wegen zu wunderschönen Boutique-Hotels in den Weinregionen oder der Fahrt nach Adelaide, wo wenigstens bis ein Uhr morgens eine gemäßigte Form des Großstadtlebens zur Verfügung steht. Wir empfehlen die City. Schließlich sind die Weine von der „cellar door“ auch zum Mitnehmen erhältlich. Adelaide also. Quadratisch, praktisch, gut präsentiert sich die Millionenstadt, bereits 1895 lobte Mark Twain die „geordnete Anlage“ der Metropole.

 

Unter der Woche pulsiert das Leben im und rund um den „Central Market“ im asiatischen Teil der Stadt Stadt. Mit seinem reichhaltigen Angebot zählt er zu den besten des Landes und in den frühen Morgenstunden trifft man Adelaides Top-Köche an den Fleisch-, Fisch- und Gemüsetheken. Sonntags zählt der Flohmarkt in der Rumble Street zu den angesagten Adressen. Weinliebhaber zieht es in die „Universal Wine Bar“, wo sie mit dem Betreiber Vito Romano schnell ins Gespräch kommen. In den 1960er Jahren emigrierte seine Familie aus Mondragone, einem kleinen Städtchen an der Amalfiküste, nach Australien: „Mein Vater produzierte Wein, meine Mutter war Köchin - natürlich bin ich mit Leib und Seele Gastronom!“, erklärt Vito und empfiehlt die Spezialität des Hauses: Ein handgeschöpfter Käse aus Büffelmilch, den der Chefkoch Joshua Deer auf Rucola mit sonnengereiften Tomaten serviert. „Das Gemüse stammt aus meinem eigenen Garten in Kensington“, verrät Vito als er die Riesenportion auf den Tisch an der belebten Straße stellt. Dazu kommt eine Flasche Pinot Grigio aus seiner Heimat, erst danach dürfen wir einen Chardonnay aus Südaustralien ordern. Wir wählen den „Thomas K Hardy 'Imprimatur' mcLaren Vale“ 2008.

  The Lane Vineyard  Vito @ Universal Wine Bar

Um die 280 Weine listet Vito in seiner Bar und natürlich gibt er für unsere anstehende Fahrt ins Barossa sowie in die eine knappe Autostunde nördlich der Metropole gelegenen Adelaide Hills jede Menge Tipps: „The Lane Vineyard“ etwa bietet ausgezeichnete Tropfen an der „Cellar Door“, die sich die direkt am Tresen des exklusiven Restaurants befindet! Für den Lunch mit Blick auf die Weingärten (bei schönem Wetter auch auf der Terrasse) sollte man gut vier Wochen im voraus reservieren! Unser Favorit: Der zum Teil im Fass vergorene Chardonnay „Block 3“. Fruchtig, ausgewogen und mit einer leichten Säure passt der Wein perfekt zum hausgebeizten Lachs, den Chefkoch James Brinklow (ehemals im „Auge“ am Herd) mit Wildkräutern und Kapern auftischt. Auch im McLaren Vale südlich von Adelaide, wo hauptsächlich Rotwein angebaut wird, finden sich jede Menge hervorragende Adressen. Zu den besten Lokalen etwa zählt das Restaurant der D'Arenberg Winery, bekannt für ihre exzellenten Roweine die durch einer Vielzahl unterschiedlicher Bodentypen stark Terroirbetonte Weine hervorbringen. Gut 80 Prozent der Trauben stammen aus Firmeneigenem Anbau, Schädlingsbekämpfung und Düngemittel sind Tabu, Bewässerung wird auf ein Minimum beschränkt. Überzeugt hat uns vor allem der „Ironstone“ 2006, ein typischer „GSM“ aus Grenache, Shiraz und Mouvedre-Trauben, der mit 60 AUS Dollar jedoch preislich recht hoch angesetzt wird.

 

Ein paar Tage später fahren wir gegen 6 Uhr früh ins Barossa Valley. Australiens berühmteste Weinregion wurde 1838 von schlesischen Siedlern begründet, Namen wie „Hendtschke“ oder „Heinze“ oder „Seppeltsfield“ erinnern an die Geschichte der 1,970 Quadratkilometer großen Weinregion.. Aufgrund der seit einer Woche anhaltenden Hitze war die Ernte vielerorts vorgezogen worden und nur aufgrund persönlicher Beziehungen gelingt es mir, eine 10minütige Audienz bei Andrew Wigan, dem Chiefwinemaker von Peter Lehmann zu ergattern. Um sich den Marktgegebenheiten anzupassen hat Wigan unter anderem zwei neue Weissweine für den US-Markt entwickelt, die natürlich auch in Australien erhältlich sind. Die 2009 erstmals vinifizierten Weißweincuvees „Barossa Blonde“ (überwiegend Zitrus-, grüner Apfel- und Annanas-Aromen) und „Layers White“ (deutlich aromatischer mit einer stark dominierenden Note Gewürztraminer) sollen vor allem ein junges Publikum ansprechen und werden für maximal zehn Dollar AUS gehandelt. Von den Roten aus dem hochpreisigeren Segment haben uns vor allem überzeugt der 2004er „Stock Road Shiraz“ mit einer festen Taninstruktur und reichen Beerenfruchtaromen, der „Stonewell Shiraz“ des selben Jahrgangs mit fein eingearbeiteten Erdtönen und lebendiger Frucht sowie der 2005er „Mentor“, ein 100%tiger Cabernet Sauvignon mitlebendiger, würziger Frucht aber durchaus noch sehr festen Taninen.

 

Ein paar Kilometer „down the road“ liegt das Weingut von Penfolds, das trotz großer Produktionsmengen mit seinem legendären „Grange“ auch in puncto Qualität weltweit an der Spitze mithalten kann. Marken wie Koonunga Hill, Coonawarra und Magill Estate decken ein breiteres Spektrum zu erschwinglicheren Preisen ab.

 

Über den vorwiegend aus Syrah-Trauben gekelterten „Grange“ soll der britische Weinautor Hugh Johnson Anfang der 1980er Jahre einmal gesagt haben, der „Grange“ Bin 95 sei der einzig wahre Grand Cru der südlichen Hemisphere. Noch heute sagen Fachleute dem Wein ein langes Leben voraus. Bei unserer Verkostung eines „Grange“ beeindruckte der 2004er allerdings nicht so sehr. Die Farbe war bereits leicht ins braune abgerutscht, die Frucht noch sehr verhalten wohingegen die für einen Shiraz typischen Minzaromen stark hervortraten. Verantwortlich für den 1983er zeichnete noch Kellermeister John Ditter, der Grange 2004 dagegen entstand unter Leitung von Peter Gago, seit 2002 Chief-Winemaker bei Penfolds. Gago war bei seinem Eintritt ins Unternehmen zunächst für die Produktion von Schaumweinen zuständig, was dem studierten Mathematiker und Naturwissenschaftler auch auf den Spitznamen „Champagner Charly“ einbrachte. Gago ist zufrieden mit dem 2004er „Grange“. Denn für Gago ist er 2004er längst nicht ausgereift: „it's still a Baby!“ erklärt er mit dem verschmitzen Lächeln eines Schulbubens. Man darf also gespannt sein auf die weitere Entwicklung.

 

Auch die anderen Weine der so genannten „Icon and Luxury Collection“ sind eine Reise oder auch eine Investition wert. Besonders gefallen hat mir der „Koonunga Hiill Seventy Six Shiraz Cabernet“ (eine Hommage an eben diesen Wein des Jahrgangs 1976) 2006 sowie der „Kalimna Bin 28 Shiraz“, ebenfalls 2006. Beide Weine zeichnen sich durch starke, nicht zu marmeladige Fruchtaromen, eine komplexe Struktur sowie frische Minz- und Kirschnoten aus.

 

Apropos Investition: Wer sich nicht zum Öffnen einer alten Flasche entschließen mag, kann seinen wenigstens 15 Jahre alten Penfolds Rotwein in die um die Welt tourende Kork-Klinik bringen, wo die alten Verschlüsse werden mit Spezialgerät neu verkorkt werden. Gago berät die Konsumenten und erbittet lediglich eine kleine Probe, um die Qualität einschätzen zu können. Der Weinverlust wird mit der gleichen Menge des aktuellen Jahrgangs aufgefüllt. Knapp 100.000 Flaschen hat Penfolds bis dato neu verkorkt, wobei Gago heute lieber zum Konsum anrät. Schließlich möchte der Chief Winemaker auch noch ein wenig Zeit für die Arbeit im Keller haben.

 

Was Gago und sein Team dort in den letzten Jahren angesetzt haben präsentiert uns „Champagner Charly“ in der nächsten Probe: Als erste Autorin der nördlichen Hemisphäre darf ich Anfang Februar 2010 die aktuellen Jahrgänge verkosten. 2009er „Koonunga Hill Autumn Riesling“ sowie „Bin 51 Eden Vale Riesling“, den „Bin 311 Tumbarumba Chardonnay“ (einer der wenigen „single region“ Weine von Penfolds) sowie den „Bin 23 Pinot Noir“ (alte Barriques). Die Weißen zeigen sich frisch, ready to drink und mit komplexen Zitrus- und Annanasaromen, der Pinot Noir wurde bereits im abgefüllt und überzeugt mit zurückhaltender, feiner Frucht. Sehr vielverpsrechend auch der 2008er „Koonunga Hill Seventy Six Shiraz Cabernet“, der im Juli 2010 auf den Markt kommen soll.

 

Keine Frage, Penfolds muss sich um die Qualität seiner Kreszenzen keine Sorgen machen. Wie aber steht es mit dem Absatz des Sortiments? Schließlich spricht die internationale Weinwelt von einer Überproduktion Australiens zwischen 20 und 30 Prozent.

 

Penfolds, erklärt uns Gago, punktet durch seine zahlreichen Lagen, wobei das Lesegut vom Magill Estate keine große Rolle mehr spielt. Das 1844 gegründete Ursprungsweingut von Dr. Christopher Rawson Penfold verkleinerte sich mit der Expansion Adelaides drastisch. Heute werden mit firmeneigenen Trauben aus dem Barossa, McLaren Vale, Clare Valley, Coonawarra, Padthaway sowie dem Lesegut von Zuliefererbetrieben durch Verschnitt (blending) verschiedener Lagen und Rebsorten optimale Ergebnisse erzielt. Terroir-Fetischisten begegnet Gago als Marketing-Stratege: Die Weine sollen dem Konsumenten gefallen. „Was nützt es denn, auf eine Einzellage zu bestehen wenn der Jahrgang keine optimale Qualität bringt?“

 

Es ist spät geworden und da keiner von uns seinen Führerschein riskieren will (in Australien gilt die 0,5-Promille-Grenze) entscheiden wir uns heute für eine Unterkunft im Barossa. Luxuriöse Suiten sowie exzellente Küche im Restaurant „Appelation“ (Degustationsmenü) bietet „The Luise“ in der Seppeltsfield Road, eine familiäre Atmosphäre erwartet den Gast im „Angaston Rose B&B“ in Angaston.

 

Bevor wir Adelaide Richtung Südosten verlassen, kehren wir noch einmal bei Vito in der „Universal Wine Bar“ ein. Natürlich hat er neben dem einen oder anderen köstlichen Elixir von Peter Lehmann auch einen ordentlichen „Galvon d'Garage“ (empfehlenswert der 2006) von D'Arenberg, den 2002er „Grange“ oder den Penfolds „St. Henry“ oder „RWT“ auf Lager. Vito liegen aber auch die guten Tropfen lokaler Produzenten am Herzen. Und so gesellt sich um kurz vor Mitternacht Joe Grilli an unseren Tisch. Seine Hände sind rotgefärbt und er sieht ein wenig müde aus. Ja, er komme geradewegs aus dem Keller, wo er seit morgens um sechs Uhr im Einsatz war. Fast die gesamte Rotweinernte habe er an diesem Tag eingefahren. Darauf, so der Inhaber des „Primo Estate“, müsse man erst einmal einen trinken. Sein 2007er Nebbiolo ist wie viele Weine aus Südaustralien bereits gut trinkbar, könnte aber auch noch ein paar Jahre lagern. Beim zweiten Glas erzählt er von seinem Olivenöl „JOSEPH“, das er seit 1989 mit seiner Frau Diana zusammen abfüllt und der leckeren Brotzeit, die auf dem Primo Estate zur Weinverkostung gereicht wird. Natürlich sind wir auf dem Weg nach Portland doch noch bei Joe vorbei gefahren. Aber das ist eine andere Geschichte.

Copyright © 2008 Anneli Dierks - Freelance writer - food, wine and crime | All Rights Reserved